Social Media stärkt Offline-Kampagnen, sogar bei der CDU
- Andreas Jungherr
Beim Alumnitreffen vor Pfingsten referierte Andreas Jungherr zum Einsatz von Social Media bei der CDU zu den letzten großen Wahlkämpfen in Hessen, für den Bundestag und in Nordrhein-Westfalen. Das allein war schon spannend, denn, so mein Vorurteil und Andreas Jungherr bestätigte:„Online gehört nicht zur Kultur der CDU“. Wie also nutzt eine so skeptische Gruppe Social Media? Und dann auch noch für den Wahlkampf? Der Wahlkampf ist doch Höhepunkt und Extremherausforderung jeder Partei. Hier dürfen keine Fehler passieren, gell?
Andreas Jungherr antwortete sehr pragmatisch: „Die anderen machen´s, also müssen wir auch“. Doch dabei blieb er nicht stehen. Klar war der CDU von vorneherein, dass Online den Wahlkampf nicht entscheiden würde, sondern der Mobilisierung dient.
Social Media, insbesondere facebook, Twitter und YouTube-Clips hatten zwei Aufgaben. Zum einen sollten sie Interessierten einen Informationsmehrwert zur Offline-Kampagne liefern. Die Leitfrage lautete: Wie kriegt der Politikjunkie seinen Kick? Zum anderen kann Social Media ein Aktivitätsfeld für Unterstützer sein, die sich in der täglichen Parteiarbeit im Kreis- oder Stadtverband der Partei nicht wieder finden können Hier sollte ihr Aktionsfeld entstehen.
So war es denn auch. Freiwillige hatten große Gestaltungsräume. Sie waren für das webcamp 09 in Hessen verantwortlich, übernahmen mit Autorenkennzeichnung den Twitterstream im Bundestagswahlkampf, antworteten am Telefon und mailten mit andern Unterstützern. Freiwillige drehten, schnitten und luden die Clips hoch bei YouTube, wie dieses hier:
Intern viel diskutiert wurden die Erfolgskriterien der Kampagnen. War nur erfolgreich, wer in die Nähe der Follower- oder Freundeanzahl von Obama kam? Die Erfahrung von Andreas Jungherr zeigt, dass eine solch rein mathematische Erfolgsausrichtung eher hemmt. Ein „Letztes Mal hatten wir die Anzahl X, nun müssen wir die mindestens erreichen, wenn nicht sogar toppen“ führt eher zum Tunnelblick, als die Kampagne zu beflügeln. So lautet der Tipp von Andreas Jungherr, die Erfolgskriterien mit einem breiten Blick selbst genau abzuwägen und zu definieren.
Ein erfreulicher Effekt war zum Beispiel, dass selbst in einem etablierten Haus wie der CDU mit der Online-Kampagne die Experimentierfreude bei Politikern spürbar gewachsen ist.
Das nenne ich „Erfolg“.
Auch wenn in der CDU teAM Community ein Großteil der Nutzer zu den über 50-jährigen gehörte, so erscheint Social Media zurzeit noch überwiegend ein Aktionsfeld für die unter 30-jährigen. „Twitter ist für die Technik-Avantgarde“, so Andreas Jungherr. Doch auch da bewegt sich was. Nach seinen Worten gibt es in Frankreich schon die ersten Pilotprojekte, bei denen 60-Jährige Polit-Clips für ihre Altersgenossen produzieren und bloggen. –Meine Onkel und Tanten waren begeistert, als ich ihnen bei unserem Familienfest zu Pfingsten davon berichtete! Denn sie als Onliner strengt die bei YouTube weit verbreitete Popkultur mit ihren oftmals schnellen Bildern sehr an. Und es geht ja auch anders!
Wie nun können die einmal Mobilisierten gehalten werden? Obama gelang es nur begrenzt. Hauptproblem ist, dass Freiwillige und Arbeitsstruktur nach dem Wahlkampf fehlen, um den ständigen Kontakt zu den Mobilisierten zu halten. Dennoch gelang es der CDU, über private Blogs oder Twitterstreams der Hauptverantwortlichen der Wahlkämpfe im Gespräch mit vielen Freiwilligen zu bleiben und sie so, über eigene Verbindungen, erneut für aktuelle Kampagnen anzusprechen.
Hier greift offensichtlich wieder die alte Regel, dass (nur) Begeisterte andere begeistern können; dann wachsen Beziehungen. Sie ist die Basis sowohl fürs Online- als auch fürs Offline-Campaigning.
Ich danke Andreas Jungherr sehr für seine offenen und klaren Worte.
- 4 Kommentare
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Der Erfolg von Obama lag nicht in der Verbindung durch Twitter und FB sondern lag in einer total ausgeklügelten Verbindung von klassischen E-Mails mit Telefonkontakten.
Im NRW Wahlkampf war übrigens deutlich zu beobachten, dass sich sämtliche CDU-SocMed-Kanäle äußerst unprofessionell verhalten haben und gerade in der Zeit der direkten Auseinandersetzung (z.B. bei den TV-Duellen) komplett untergegangen sind in der Flut der meinungsmachenden Gegen-Tweets. Von einer erfolgreichen Kampagne und vor allem einem positiv hängengebliebenen Bild kann da nicht die Rede sein. (Im Übrigen hat man teilweise sogar "falsche" Hashtags genutzt.)
Social Media
Lieber Maik,
Danke für Deinen aufmerksamen Kommentar. Den Wahlkampf in NRW an sich kann ich aus Thüringen nicht beurteilen, da sitzt Du näher dran.
Social Media ist in meinen Augen schlicht ein großes Lernfeld. Weil es um das echtes Gespräch zwischen Menschen geht. Das ist superschwer und superwichtig, oder?
Alexandra
Vorbei...
Die Zeit des Lernens und der Experimente ist leider vorbei. Gerade Parteien haben aber auch überhaupt kein Interesse daran, ihre komplette Kommunikationsmacht abzugeben. Gerade ein Rüttgers wäre komplett untergegangen in der Flut der zu kommentierenden Postings, egal auf welchem Kanal. Ich denke, dass hier einige NGOs doch bereits ein Stück weiter sind.
Zivilgesellschaftliche NPO
Genau dazu poste ich am Freitag einen Artikel! Ist schon fertig. :-)